Mit Veränderung kennt sich Andreas Klomann aus. Seit mehr als 35 Jahren ist der gelernte Maschinenbauer bei SAMSON – heute leitet er die Instandhaltung. Das Unternehmen begleitet ihn seit seiner Kindheit: Sein Vater war mehr als vier Jahrzehnte Teil von SAMSON. Klomann selbst kennt das Werksgelände von klein auf. Im Laufe der Jahre hat er zentrale Entwicklungsschritte am Standort miterlebt – etwa den Bau des Hochregallagers vor 24 Jahren, das computergesteuert Material auf mehreren Ebenen ein- und auslagert. Das 25 Meter hohe Gebäude mit dem kreisrunden SAMSON-Logo ist seither ein markanter Punkt im Stadtbild für alle, die auf der A 661 an Frankfurt vorbeifahren. 16 Jahre später entstand das Rolf-Sandvoss-Innovationszentrum: ein kompakter, technisch hoch ausgestatteter Neubau für Produkttests und Grundlagenforschung rund um innovative Ventiltechnik.

„MainChange ist für uns das mit Abstand größte Transformationsprojekt der Unternehmensgeschichte.“

Andreas Klomann
Leiter Instandhaltung

Standort stößt an Grenzen
Weil immer mehr Kolleginnen und Kollegen dazugekommen sind, mussten neue Parkflächen geschaffen werden. Außerdem wurden Drehkreuze installiert – als Zugangslösung für die beiden Unternehmensteile links und rechts der Schielestraße, eine von drei öffentlichen Straßen, die das Werksgelände im Frankfurter Osthafen durchschneiden. „Doch selbst mit diesen Maßnahmen stieß das Gelände irgendwann an seine Grenzen“, so Klomann. Der Platz reichte auf der dicht bebauten Fläche, auf der SAMSON seit 1916 beheimatet ist, nicht mehr aus.

Daher wurde im Frühjahr 2021 eine Entscheidung getroffen, die für viel Aufmerksamkeit gesorgt hat. SAMSON verlegt seine komplette Konzernzentrale samt Produktion und 2000 Beschäftigten nach Offenbach. 400 Millionen Euro investiert der Mittelständler hier, bei einem Jahresumsatz von rund 900 Millionen Euro. Das Projekt heißt MainChange – auch, weil es die größte Transformation in der Geschichte des Unternehmens markiert. Der Umzug soll bis Ende 2026 abgeschlossen werden.

Seit mehr als 100 Jahren entwickelt SAMSON Lösungen zur Regelung von Flüssigkeiten, Gasen und Dampf. Mit MainChange verlagert das Unternehmen seinen Hauptsitz von Frankfurt nach Offenbach. Das Innovationszentrum bleibt, beheizt mit Abwärme aus dem gegenüberliegenden Rechenzentrum. Das Konzept kam aus eigenen Reihen.

Frankfurt bleibt Teil der Zukunft
Doch ganz verliert Frankfurt SAMSON nicht. Das erst 2017 eröffnete Innovationszentrum RSIC bleibt am Standort. Ein Umzug wäre wirtschaftlich kaum sinnvoll und auch strukturell nicht erforderlich: Das Innovationszentrum ist technisch hervorragend ausgestattet und auf die speziellen Anforderungen von Forschung und Entwicklung zugeschnitten. „Hier entstehen gemeinsam mit Kunden Versuchsanlagen, um neue technische Lösungen unter realen Bedingungen zu testen“, sagt Klomann. Darüber hinaus gibt es in dem kompakten Gebäudekomplex im Osthafen Prüfräume für Schallmessungen, Druckkammern für Tests, bei denen Gase wie Luft oder Stickstoff unter hohem Druck eingesetzt werden, sowie metallische 3D-Drucker zur Herstellung und Erprobung von komplexen Bauteilen für eine Ventilserie. Dass das Innovationszentrum künftig als einziges Gebäude am bisherigen Standort verbleibt, bringt jedoch auch ganz praktische Herausforderungen mit sich: Für Andreas Klomann stellte sich die Frage, wie sich ein einzelnes Gebäude effizient beheizen lässt, wenn Mainova dafür keinen eigenen Dampfkessel betreiben will. „Eine klassische Lösung kam nicht infrage – gefragt war ein neuer Ansatz.“

„Junge Menschen haben bei SAMSON viele Möglichkeiten, eigene Lösungen zu entwickeln und persönlich weiterzukommen.“

Fabian Fuchs Leitung Teilprojekt Energie bei MainChange

Wenn Ideen Wärme bringen
Die Antwort auf die Heizungsfrage kam schließlich aus den eigenen Reihen – ein Beispiel dafür, wie Innovationsgeist bei SAMSON gelebt wird, so Andreas Klomann. Fabian Fuchs, der 2011 seine Ausbildung im Unternehmen begann und später als dualer Maschinenbaustudent blieb, griff das Thema 2023 in seiner Bachelorarbeit auf. Betreut von Andreas Klomann, entwickelte er ein Energiekonzept für das RSIC. Die Lösung fand er direkt vor der Haustür: beim Rechenzentrumsbetreiber Digital Realty auf der gegenüberliegenden Straßenseite. „Die Nutzung der Abwärme des Rechenzentrums erschien mir eine gute Möglichkeit, daraus die Wärmeversorgung für unser Innovationscenter abzuleiten“, sagt Fuchs.

Nachdem sein Lösungsansatz in den obersten Etagen von SAMSON und Digital Realty auf offene Ohren stieß, wurde eine Machbarkeitsstudie in Auftrag gegeben. Geprüft wurden technische Machbarkeit, Wirtschaftlichkeit, Nachhaltigkeit und regulatorische Rahmenbedingungen – mit dem Ergebnis, dass das Konzept von Fabian Fuchs realisierbar ist. Inzwischen ist auch eine staatliche Förderung zugesagt. Doch wie genau funktioniert die geplante Lösung?

Die Nachbarn heizen mit
Die bisherige Wärmeversorgung des Innovationscenters wird künftig durch die Abwärmenutzung mittels einer Hochtemperatur- Wärmepumpe ersetzt. Dabei wird ein Teil des Warmwassers des gegenüberliegenden Rechenzentrums direkt aus dem Rücklauf des Kühlrings entnommen und über isolierte Rohrleitungen zur Wärmepumpe von SAMSON geleitet. Um die Wärme auf die Temperatur von 75°C für die Heizkreise anzuheben, ist der Einsatz einer Hochtemperatur-Wärmepumpe notwendig. Durch die Umstellung wird jährlich eine CO2-Einsparung von über 80 t erzielt.

„Wer an einem neuen Standort auf höchste Umweltstandards setzt, sollte auch am alten keine Energie verschwenden.“

Fabian Fuchs Leitung Teilprojekt Energie bei MainChange

„Wer an einem neuen Standort auf höchste Umweltstandards setzt, sollte auch am alten keine Energie verschwenden – deshalb braucht auch das Innovationszentrum in Frankfurt ein zukunftsfähiges Versorgungskonzept“, sagt Fabian Fuchs, der heute das Teilprojekt Energie bei MainChange leitet. In Offenbach setzt SAMSON unter anderem auf energieeffiziente Gebäude, begrünte Dächer und Fassaden, Solarpaneele, Regenwassermanagement und Abwärmenutzung. Hinzu kommen ein 48 Meter hohes Hochregallager sowie eine Mobilitätszentrale mit rund 900 Stellplätzen und Ladesäulen – eine klare Verbesserung zur heutigen Situation.

Stolz auf das, was entsteht
„Wir bauen einen energieeffizienten Campus, wie es ihn in der Rhein-Main-Region bisher nicht gibt“, so Fuchs. Als Mitarbeiter mache ihn das stolz – auf das Projekt und auf das Unternehmen, das es möglich macht. Auch Frankfurt profitiert weiter – von Ideen, Entwicklung und einer starken Verbindung. Das Innovationszentrum RSIC behält seinen Sitz im Osthafen – und mit ihm ein Herzstück des Konzerns. Auch nach dem Umzug Ende 2026 bleibt SAMSON ein Frankfurter Unternehmen und stärkt den Industriestandort.